Verlage und das E-Book

shandaIm März 2009 ist die vom Börsenverein des Buchhandels betriebene E-Book-Plattform libreka! ans Netz gegangen. Gestern hat nun das Magazin lesen.net über einen offenen und äußerst kritischen Brief eines libreka-Mitarbeiters berichtet und die Vorwürfe aus der Branche noch einmal zusammengefasst: Gerade einmal 32 E-Books seien im Monat September verkauft worden, das Portal sei konzeptlos, aus Usability-Gesichtspunkten eine Katastrophe und kranke am Kooperationsverhalten der Verlage. Möglicherweise ist die Verlagswelt auf Libreka! auch nicht angewiesen, da es genug andere E-Book-Plattformen gibt. Trotzdem wirft der Vorgang ein sehr düsteres Licht auf die Innovationskraft der Branche.

Sehr innovationsfreudig ist die Branche jedoch, wenn der Nutzen so offensichtlich ist, wie bei dem Portal PaperC, über das gestern Netzwertig kurz berichtet hat und das im übrigen ein aktueller Preisträger des AKEP-Awards (Arbeitskreis Elektronisches Publishing des Börsenvereins) ist. Über PaperC können Studenten Fachbücher komplett und kostenlos online lesen. Wundert man sich zunächst über die plötzliche Freigiebigkeit der Verlage, werden die Motive mit Blick auf das Geschäftsmodell schnell klar: Für das Ausdrucken von Seiten berechnet PaperC 5-10 Cent, damit stellen die Verlage den Studenten praktisch einen digitalen Kopierer in die Studierstuben. Für die Eintreibung und Verteilung von “Kopiergebühren”, die gerade bei Universitätsliteratur ja schwer ins Gewicht fallen, ist jedoch bislang die VG-Wort zuständig. Bei PaperC bleibt daher die Frage, ob auch Autoren gleichermaßen von den Einnahmen profitieren. Keine Frage, das Modell ist erst einmal begrüßenswert, es bleibt jedoch in der Gesamtschau das ungute Gefühl, dass sich Verlage auf derart offensichtlich profitable Angebote stürzen und sich gleichzeitig dem allgemeinen Wandel in der Medienwelt eher verschließen.

Was damit gemeint ist zeigt ein kleiner Blick ins Ausland: Während die Öffentlichkeit - ja durchaus völlig zu Recht - die Form der Präsentation von China auf der Buchmesse kritisiert, ist es allerdings dramatisch zu sehen, dass uns das Reich der Mitte auch in der Publikationsbranche mit seinem Fortschrittsdenken überholt: Die Zahlen des chinesischen E-Book-Publishers Shanda sind beeindruckend (nur als ein Beispiel), und auch in der Vergangenheit haben viele Meldungen gezeigt, dass China (zumindest uns) an Spiel- und Innovationsfreude weit vorauseilt.

Da möchte man den Aufruf einiger Verlagsrepräsentanten nach mehr Innovation und neuen Modellen für das digitale Geschäft doch nachdrücklich unterstützen, sonst droht der Branche von Gutenberg möglicherweise keine allzu rosige Zukunft …

Aktualisiert am 15. Oktober 2009

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